Drehmoment und Leistung
Ja, ja, das Drehmoment. Jeder hat es (irgendwo in den Tiefen des Motors, man kommt da sehr
schlecht ran), aber wer weiss schon, was ein Drehmoment so macht den ganzen Tag, wozu das
gut ist oder auch nicht, und warum alle immer nur über PS reden? Im Internet gib es
wahrscheinlich mindestens drölf Erklärungsversuche zu dem Thema "Auto und
Drehmoment", aber einen guten habe ich dabei noch nicht gefunden. Schon manch einer
hat sich eine Menge Mühe gemacht, das Thema allgemeinverständlich darzustellen, aber
trotz teilweise guter Ansätze kommt dann häufig so viel Blödsinn dabei raus, dass ich
mich genötigt sehe, jetzt endlich einmal die drölfundeinte Version zu dem Thema
aufzulegen. Dabei werde ich versuchen, auf komplizierte Formeln zu verzichten und so viel
wie möglich im Klartext zu formulieren.
Grundlagen
Wer in Physik aufgepasst hat, kann dieses Kapitel überspringen. Aber wer in Physik
aufgepasst hat, weiss ohnehin, was ein Drehmoment ist, und braucht diesen Artikel an sich
einfach nicht! :-) Kommen wir zum Thema...
Also, es heiss "das" Drehmoment und hat mit "dem" Moment der
Zeitrechnung überhaupt nichts zu tun. Ganz simpel ausgedrückt ist ein Drehmoment eine
Kraft im Kreis herum. Aber was ist eine Kraft? Auch das lässt sich nicht in zwei Sätzen
erklären, aber ich gehe davon aus, dass auch diejenigen Leser, die nicht (oder nicht so
ganz genau) wissen (oder es in der Schule mal wussten und es nach der Klassenarbeit dann
vergessen haben, weil sie es hinterher nie wieder gebraucht haben), was ein Drehmoment
ist, eine gewisse Vorstellung davon haben, was eine Kraft ist. Wenn ich also eine 1kg
schwere Kugel in einer (gewichtslosen) Tüte festhalte, dann übe ich auf die Kugel eine
Kraft aus (und sie auf mich). Wenn auf die Kugel eine Kraft wirkt, warum bewegt sie sich
dann nicht? Nun, es gibt da noch eine zweite Kraft, die Schwerkraft, welche sich aus der
Erdbeschleunigung (1 g = 9,81 m/s²) und der Masse der Kugel ergibt. Die beiden Kräfte
sind gleich gross und wirken entgegengesetzt, deswegen heben sie sich auf, und darum
bewegt sich die Kugel nicht. Was lernen wir daraus? Kräfte sind gerichtete (vektorielle)
Grössen, sie haben einen Betrag und eine Richtung.
Kraft ist definiert als das Produkt aus Masse und Beschleunigung (F=m*a), wobei
Beschleunigung definiert ist als Änderung der Geschwindigkeit pro Zeit. Die physikalische
Einheit für die Kraft heisst Newton (N), 1 N = 1 kg * m/s². Eine Masse von 1 kg hat
demnach eine Gewichtskraft von 1 kg * 9,81 m/s² = 9,81 N. Auf dem Mond hat eine Masse von
1 kg immer noch eine Masse von 1kg (logisch), aber die Gewichtskraft ist sehr viel
niedriger. Ok, jetzt weiss wieder jeder, was eine Kraft ist, und wenn gleich der Begriff
Newton auftaucht, dann ist auch keiner überfordert.
Weiter: Arbeit ist das Produkt aus Kraft und Weg (W=F*s), wer über eine Strecke von 1m
eine Kraft von 1N aufbringt, der hat eine Arbeit von 1Nm (Newtonmeter) erbracht. Hier darf
man sich nicht verwirren lassen, die physikalische Einheit für Arbeit, Energie und
Drehmoment ist kg*m²/s². Um die Missverständnisse zu minimieren, benutzt man für
Energie die Einheit J (Joule), für Arbeit Ws (Wattsekunde) und für Drehmoment Nm
(Newtonmeter). Aber es gilt 1 kg * m² / s² = 1 J = 1 Nm = 1 Ws.
Jetzt kennen wir Kraft und Arbeit, doch was ist Leistung? Leistung ist Arbeit pro Zeit (P
= W/t). Die Einheit der Leistung ist W (Watt). 1W = 1kg*m²/s³. Wer in einer Sekunde die
Arbeit von 1Ws erledigt, der hat in dieser Sekunde mit einer Leistung von 1 Watt
gearbeitet.
Das Drehmoment als solches bei coolen und uncoolen Drehbewegungen Jetzt stellen wir
uns mal eine Mauer mit Loch vor, und dadurch stecken wir jetzt eine Achse. An der einen
Seite befestigen wir einen grossen Schleifstein, und an der anderen eine Kurbel. Die Achse
sei optimal gelagert, es gibt auch sonst keine Reibung. Und jetzt schauen wir mal in das
Physikbuch. Da steht: Unter einem Drehmoment versteht man das Produkt aus einer Kraft
und dem senkrechten Abstand ihrer Wirkungslinie vom Drehpunkt. Stellen wir uns mal
vor, die Kurbel stehe waagerecht, und wir hängen jetzt ans Ende der Kurbel ein Gewicht
von etwas über einem Kilogramm mit einer Gewichtskraft von 10 N. Das ist also unsere
Kraft. Da diese Kraft nach unten gerichtet ist, wirkt sie genau senkrecht zur Kurbel. Die
Kurbellänge ist der "senkrechte Abstand" aus der Definition von oben. Der
Drehpunkt ist in diesem Fall die Achse. Die Kurbel sei mal genau 10cm lang. Dann wirkt auf
die Achse ein Drehmoment von 10N*0,1m = 1Nm. Auf der anderen Seite ist immer noch der
Schleifstein. Dieser Stein hat ein (Massen-)Trägheitsmoment. Oh, nein! Schon wieder ein
Moment, das wird ja immer schlimmer... Und das will ich jetzt auch gar nicht weiter
vertiefen, aber ein Trägheitsmoment ist halt das Äquivalent zur Masse, wenn man die
Drehbewegung mit der "normalen" Geradeausbewegung vergleicht. Das Physikbuch
sagt: Unter der Wirkung eines Drehmomentes erfährt ein drehbarer starrer Körper eine
Winkelbeschleunigung (=Äquivalent zur "normalen Geradeausbeschleunigung").
So, und dann fängt der Schleifstein an, sich zu drehen. Und damit ändert sich der
wirksame Hebelarm, weil sich die Kurbel mitdreht, das Gewicht aber weiterhin nach unten
zieht. Das Ganze wird also endlos hin und her pendeln (wir hatten ja die Reibung
ausgeschaltet, die bewirkt hätte, dass das ganze irgendwann mal mit hängender Kurbel zum
Stehen kommt). Das war also ganz sicher keine coole Drehbewegung. Jetzt machen wir das
ganze nochmal richtig! Statt eines Gewichtes an der Kurbel krempeln wir die Ärmel hoch
und drehen selbst an der Kurbel, und zwar mit konstant 10 N (eine Hausfrau hat das im
Gefühl) und immer senkrecht zur Kurbel. Und so bekommen wir eine richtig schöne
Drehbewegung. Die wird immer schneller und schneller und schneller... Bis sie unendlich
schnell ist oder uns die Schulter auskugelt. Das war fast eine coole Drehbewegung, aber
noch nicht ganz. Wir schalten die Reibung wieder ein. Willkommen in der realen Welt.
Reibung ist toll, sie verhindert unendlich schnelle Drehbewegungen. Es gibt
Reibungskräfte, die sind proportional zur Geschwindigkeit (doppelte Geschwindigkeit
erzeugt doppelte Reibung), andere wachsen quadratisch (doppelte Geschwindigkeit erzeugt
vierfache Reibung) oder noch schlimmer. So lange die Antriebskraft (oder das
Antriebsmoment) grösser als die Reibungskraft (oder das Reibungsmoment ist), wirds immer
schneller. Wenn sich die Geschwindigkeit nicht verändert, dann halten sich Antriebs- und
Bremskräfte die Waage (und löschen sich gegenseitig aus), das gilt sogar für den
Stillstand (keine Antriebskraft, keine Geschwindigkeit also auch keine Reibung). Jetzt
kurbeln wir also nochmal mit 10 N an der Zehnzentimeterkurbel herum und erzeugen wieder
dauerhaft ein Drehmoment von 1 Nm, der Schleifstein dreht sich immer schneller, und zwar
so lange, bis sich das entgegenwirkende Reibungsmoment ebenfalls auf 1 Nm eingestellt hat.
Dann dreht sich der Schleifstein mit - sagen wir mal - einer Umdrehung pro Sekunde. Die
Leistung, die wir erbringen, errechnet sich nach der Formel
P = 2 * Pi * M * n
also 2 * 3,14 * 1Nm * 1/s und ist demnach 6,28 Watt.
Merke: Die Leistung ist proportional zum Produkt aus Drehmoment und Drehzahl. Wer
das einmal verinnerlicht hat, ist eigentlich schon am Ziel, denn daraus lässt sich so
ziemlich jeder Zusammenhang ableiten.
Drehmoment und Autos
Autos müssen viel PS haben. Das meinen zumindest die meisten Autofahrer, ich hab auf
jeden Fall noch keinen getroffen, der über zuviel Leistung geklagt hat. Aber was ist denn
ein PS? PS ist eine Einheit für Leistung, allerdings nicht die offizielle, die ist
nämlich Watt (W). Auch schon mal gehört, oder? 1 W = 0,00136 PS, bzw. 1 kW = 1,36 PS.
Und da Leistung, Drehzahl und Drehmoment über die oben genannte Formel unweigerlich
miteinander verknüpft sind, kann also bei gegebener Drehzahl und bekanntem Drehmoment die
abgegebene Leistung berechnet werden. Solche Werte werden auch in Diagrammen dargestellt
(z.B. Drehmoment über Drehzahl), sie sind motorspezifisch und erlauben schon auf den
ersten Blick eine Aussage über die Motorcharakteristik, dazu später mehr. Hier mal ein
Beispiel:

Abb. 1: Drehmomentverlauf eines Motors über der Drehzahl
Gegeben ist also der Verlauf des Drehmoments eines beliebigen Motors über seiner
Drehzahl. Berechnen wir mal die Leistung für eine bestimmte Drehzahl (gelbe Markierung):
Drehzahl n = 2000 1/min = 33,3 1/s
Drehmoment M = 90 Nm
Leistung P = 2 * Pi * M * n = 2 * 3,14 * 90Nm * 33,3 1/s = 18,8 kW Bei 2000 Umdrehungen
pro Minute leistet diese Maschine also 18,8 Kilowatt.
Das lässt sich ebenfalls mit in das Diagramm einzeichnen, und zwar für alle Drehzahlen:

Abb. 2: Drehmoment- und Leistungsverlauf eines Motors über der Drehzahl
Die maximale Leistung hat der Motor also bei ca. 4500 Touren, während das maximale
Drehmoment schon bei ca. 3000 Touren anliegt. Bei Höchstdrehzahl (5000 Touren) hat er
also weder maximale Leistung noch maximales Drehmoment. Warum also macht es unter
Umständen trotzdem Sinn, für die maximale Beschleunigung einen Gang bis an die
Drehzahlgrenze auszufahren? Das klären wir später...
Diese Maschine bauen wir jetzt in ein Auto und fahren damit 50 km/h bei 2000 U/min. Die
Summe aus allen Reibungen (Luftwiderstand, mechanische Reibung im Motor, in den
Reifen,...) ergebe sich zu einem Äquivalent von 8 kW, der Motor muss also 8 kW leisten,
damit der Wagen nicht schneller oder langsamer wird. Wie wir oben berechnet haben,
beträgt die Motorleistung aber 18,8 kW, der Wagen müsste also beschleunigen, oder? Warum
tut er das nicht? Ganz einfach: Bei der in Abb. 1 gezeigten Kurve handelt es sich um die
Vollastkurve, d.h. die Maximalwerte zu jeder Drehzahl. Wollte man alle möglichen
Betriebszustände (also auch Teillast und Schiebebetrieb) darstellen, dann sähe das
Diagramm so aus, wäre aber nicht übersichtlicher:

Abb. 3 Darstellung Drehmoment über der Drehzahl aller Betriebszustände eines Motors mit
einem Drehmoment >=0 Nm
Genau genommen gibt es sogar auch negative Drehmomente, wenn der Motor z.B. im
Schiebebetrieb mit Spritabschaltung als Bremse fungiert, aber die sind hier nicht
dargestellt. Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Drehmomentkurven von Verbrennungsmotoren
sind immer (also wenn nicht explizit etwas anderes dabei steht) Vollastkurven. Der Motor
aus dem Beispiel kann also bei einer Drehzahl von 2000 1/min maximal 90 Nm Drehmoment
produzieren und somit maximal 18,8 kW leisten, aber eben nur unter Vollast, er kann auch
im Teillastbereich genau 8 kW leisten.
So, jetzt nähern wir uns mal des Pudels Kern: Was trägt denn nun das Drehmoment zur
Beschleunigung eines Fahrzeuges bei? Der Einfachheit halber gehen wir mal von zwei
identischen Fahrzeugen aus, die genau 60 km/h fahren. Beide haben oben genannten Motor
eingebaut. Das eine fährt im vierten Gang mit 3000 1/min, das andere im dritten Gang mit
4000 1/min. Beide geben gleichzeitig Vollgas, welches hat die Nase vorn? Was ist
ausschlaggebend: Mehr Drehzahl, mehr Drehmoment oder mehr Leistung?
(...) (Zeit für eine kurze Denkpause)
Natürlich hat der die Nase vorn, der im dritten Gang unterwegs ist, das lässt sich schon
aus dem Gefühl heraus sagen, aber wie lässt sich das physikalisch untermauern?
Betrachten wir mal die Drehmomente, die Motorleistung und die Übersetzung:
| |
Fahrzeug A (dritter
Gang) |
Fahrzeug B (vierter Gang) |
| Drehzahl (1/min); gegeben |
4000 |
3000 |
| Drehmoment (Nm); aus Abb. 2 |
95 |
105 |
| Leistung (kW); aus Abb.2 oder
berechnet |
39,8 |
33 |
| Übersetzung* |
1 |
0,75 |
| Ausgangsgeschwindigkeit (km/h);
gegeben |
60 |
60 |
| Drehmoment nach Getriebe (Nm);
berechnet |
95 (=95 Nm*1) |
78,8 (=105 Nm*0,75) |
(* Für Fahrzeug A willkürich gewählt, für B berechnet: Ü = 3000 / 4000 * 1 = 0,75)
Es beschleunigt also der besser, dessen Motor mehr Leistung abgibt, es kommt nur auf die
Leistung an, sonst auf gar nichts! Wozu dann das ganze Herumgerechne mit dem Getriebe? Was
macht eigentlich ein Getriebe? Mit einem Transformator kann ich eine Kombination aus
Spannung und Strom umwandeln in eine andere Kombination aus Spannung und Strom, aber die
Leistung, das Produkt aus Strom und Spannung, ist auf beiden Seiten identisch (Verluste
vernachlässigt). Genau so funktioniert auch ein Getriebe, auf der einen Seite kommt eine
Kombination aus Drehmoment und Drehzahl rein, und auf der anderen Seite eine andere wieder
heraus, die Leistung ist aber auf beiden Seiten identisch (Verluste vernachlässigt). Das
Getriebe ermöglicht es somit, immer in einem Drehzahlbereich zu fahren, der dem Motor
"liegt". Was bedeutet das jetzt für die Schaltzeitpunkte? Für maximale
Beschleunigung ist dann zu schalten, wenn der Motor bei der Drehzahl, die er nach dem
Schalten haben wird, eine höhere Leistung abgeben kann, als bei der, die er gerade hat.
Damit ist dann auch das Drehmoment, das am Reifen ankommt, grösser, da sich ja die
Reifendrehzahl durchs Schalten nicht ändert. Weil die meisten Automotoren ihre maximale
Leistung kurz vor dem Drehzahlmaximum haben, macht es auch Sinn, für grösstmögliche
Beschleunigung die Gänge bis ans Limit auszufahren, denn in einem höheren Gang ist die
Leistung des Motors meist schon wieder deutlich geringer. Wer es genau wissen will, muss
halt rechnen. Dazu braucht man die Übersetzung eines jeden Ganges und ein genaues
Leistungs-Drehzahl-Diagramm, dann kann man für jeden Gangwechsel die ideale Drehzahl
ausrechnen.
Charakterisierung eines Motors
Die blosse Angabe der Leistung eines Motors ist ebenso wenig aussagekräftig wie die
Angabe des maximalen Drehmomentes. Um genau zu verstehen, wie sich ein Motor verhält, ist
das Drehmoment-Drehzahl- oder das Leistungs-Drehzahl-Diagramm essentiell. Schliesslich
verhalten sich unterschiedliche Motorentypen trotz evtl. gleicher Maximalleistung ganz
anders, der Unterschied zwischen Gleichstrom- und Verbrennungsmotoren beispielsweise ist
gravierend. Da aber die meisten Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren ausgerüstet sind, kann
man anhand der Angabe "Turbodiesel mit 120 PS" oder "Benziner mit 125
PS" schon Einiges über deren Verhalten ableiten. Manche Motoren werden als
"drehfaul", andere als "elastisch", "dieseltypisch" oder
"turbotypisch" bezeichnet. Was bedeutet das für ihre Drehmoment- und
Leistungskurven? Kann man dieses Verhalten anhand der Kurven ablesen? Antwort: Ganz klar
ja!
Hier einmal einige Beispiele, bei denen es nur um die qualitative Darstellung geht,
deswegen ohne Skalierung:

Abb. 4 Qualitative Darstellung einiger typischer Drehmomentverläufe von
Verbrennungsmotoren über der Drehzahl
Den Verlauf des typischen Benziners haben wir schon kennengelernt. Wie unterscheidet sich
der Drehmomentverlauf eines typischen Saugerdiesels mit annähernd gleicher
Maximalleistung? Nun, im unteren Drehzahlbereich verfügt der Diesel über mehr Drehmoment
und somit auch mehr Leistung, aber er erreicht sein Drehmomentmaximum eher und dreht
insgesamt auch nicht so hoch. Deswegen liegt die Leistungskurve des Benziners im oberen
Bereich über der des Diesels (siehe Abb. 5).

Abb. 5 Qualitative Darstellung einiger typischer Leistungsverläufe von
Verbrennungsmotoren über der Drehzahl (passend zu Abb. 4)
Typisch für Turbomotoren ist das sogenannte "Turboloch", eine massive Schwäche
im unteren Drehzahlbereich. Beschleunigt man von unten heraus, passiert zunächst lange
Zeit wenig, aber dann setzt die Leistung schlagartig ein. Der Motor ist dadurch
unelastisch und nur in einem schmalen Drehzahlband nutzbar, dafür lässt sich aus dem
vorhandenen Hubraum eine relativ hohe Maximalleistung herausholen. Moderne Turbomotoren
haben kaum noch solch massive Knicks in den Kurven (z.B. durch variable Schaufelgeometrie
im Lader), aber prinzipiell verhalten sich aufgeladene Motoren (das gilt weitestgehend
auch für Kompressoren und G-Lader) mehr oder weniger wie hier dargestellt.
Ein Motor wirkt drehfaul, wenn man das Gefühl hat, dass im oberen Drehzahlbereich
automatisch die Handbremse angezogen wird. Trotz hoher Drehzahlen geht es irgendwie nicht
so richtig ab, die Maschine wirkt angestrengt. Das liegt daran, dass nach Erreichen des
maximalen Drehmomentes die Kurve übermässig stark abfällt, was sich auch in der
Leistungskurve durch ein Plateau (oder schlimmer noch: Durch Abfallen der Leistungskurve)
zeigt. Solche Motoren machen prinzipiell eher wenig Spass. Ganz anders hingegen elastische
Maschinen, die sich durch gleichmässige Leistungsentfaltung auszeichnen und schon kurz
über Leerlauf kräftig zupacken, also bereits früh ein grosses Drehmoment und damit eine
hohe Leistung entwickeln. Sie ermöglichen schaltfaules und souveränes Fahren. Auch aus
niedrigen Drehzahlen beschleunigen sie kräftig, ohne dabei angestrengt zu wirken. Dies
ist die Charakteristik von grossvolumigen Acht- und Zwölfzylindern.
Prinzipiell gilt:
- Je mehr Hubraum desto mehr Drehmoment und Leistung.
- Turbolader, Kompressoren und G-Lader erhöhen die spezifische Leistung (Maximal-Leistung
pro Hubraum, angegeben z.B. in PS/Liter) sowie den Verbrauch.
- Je mehr Zylinder, desto elastischer die Leistungsentwicklung, desto geringer die
Maximaldrehzahl.
- Saugdiesel haben ein höheres maximales Drehmoment und eine geringere maximale Leistung
als Saugbenziner gleichen Hubraumes. Ausserdem drehen sie nicht so hoch.
- Die Beschleunigung eines Fahrzeuges hängt von "unendlich" vielen Faktoren ab,
die wichtigsten sind: Leistungskurve des Motors, Gewicht, Geschwindigkeit bzw.
Luftwiderstand und sonstige Reibungskräfte, Getriebe und Fahrer.
- Ausnahmen bestätigen die Regel.
Test
An dieser Stelle möchte ich den grossen Philosophen H. Schneider zitieren: "Hefte
raus! Klassenarbeit!". Wer will, kann sich hier ja noch einmal selbstkritisch
überprüfen. Einige Fragen sind ganz simpel, andere bewusst "fies" gestellt,
also genau durchlesen. Auflösungen gibts unten.
1) Richtig oder falsch? Die Einheit von PS lautet Nm/s.
2) Richtig oder falsch? Leistung ist die Dauer der Arbeit.
3) Richtig oder falsch? 1 kW = 1,36 PS
4) Richtig oder falsch? Für optimale Beschleunigung muss dann geschaltet werden, wenn der
Motor im nächsthöheren Gang mehr Drehmoment zur Verfügung stellt als im derzeitigen.
5) Richtig oder falsch? Bei gegebener Drehzahl und bekanntem Drehmoment lässt sich die
abgegebene Leistung berechnen.
6) Richtig oder falsch? Drehmoment und Leistung stehen in keinem direkten Zusammenhang.
7) Was muss erhöht werden, um die Endgeschwindigkeit zu steigern: Die maximale Leistung
oder das maximale Drehmoment?
8) Richtig oder falsch? Aus einem Drehmoment-Drehzahl-Diagramm kann für eine gegebene
Drehzahl eindeutig das zugehörige Drehmoment abgelesen werden.
9) Richtig oder falsch? Aus einem Drehmoment-Drehzahl-Diagramm kann für ein gegebenes
Drehmoment eindeutig die zugehörige Drehzahl abgelesen werden.
10) Richtig oder falsch? Aus einem Drehmoment-Drehzahl-Diagramm kann für eine gegebene
Drehzahl die zugehörige Maximalleistung eindeutig abgelesen werden.
11) Richtig oder falsch? Die Informationen aus einem Drehmoment-Drehzahl-Diagramm sind
ausreichend, um die Maximalleistung des Motors zu berechnen.
12) Richtig oder falsch? Die grösste Beschleunigung erfährt man auf dem Drehmomentgipfel
des Motors. Bei höherer oder niedrigerer Drehzahl ist die Beschleunigung nicht so gross.
13) Richtig oder falsch? Beim Beschleunigen spürt man die "Newtonmeter", nicht
die "PS".
14) Richtig oder falsch? Die Leistung eines Motors kann prinzipiell nicht "zu
hoch" sein.
Antworten
1) Falsch! PS ist ebenso wie kW oder Nm/s eine Einheit für eine Leistung. Die offizielle
Einheit ist Watt, ein Watt ist 1 kg * m²/s³ bzw. 1 Nm/s.
2) Falsch! Leistung ist Arbeit pro Zeit (P = W / t). Die Dauer der Arbeit ist einfach die
Arbeitsdauer, also eine Zeit.
3) Richtig!
4) Falsch! Es muss dann geschaltet werden, wenn der Motor im nächsthöheren Gang mehr
Leistung (!) zur Verfügung stellt als im derzeitigen. Unter Umständen hat er dann auch
mehr Drehmoment, aber das ist nicht das Kriterium.
5) Richtig! Die Leistung P (in Watt) berechnet sich aus der Drehzahl n (in Umdrehungen pro
Sekunde) und dem Drehmoment M (in Newtonmetern). P = 2 * Pi * M * n
6) Falsch! Siehe obige Formel, Drehmoment und Leistung sind über die Drehzahl eindeutig
miteinander verknüpft.
7) Die maximale Leistung.
8) Falsch! Es kann das zugehörige maximale (!) Drehmoment abgelesen werden, aber ein
Motor kann bei einer bestimmten Drehzahl prinzipiell jedes Drehmoment zwischen 0 Nm und
dem Maximalwert abgeben, ggf. sogar negative Werte (als Motorbremse).
9) Falsch! Es gibt prinzipiell "unendlich" viele Drehzahlen, an denen er ein
bestimmtes Drehmoment abgeben kann. Ausnahmen: 1) Das gegebene Drehmoment befindet sich
ausserhalb der Möglichkeiten dieses Motors. 2) Das gegebene Drehmoment ist genau der Wert
des Maximal-Drehmomentes. Beispiel: Unser bekannter Benzinmotor hat sowohl bei 2000 1/min
als auch bei 4500 1/min ein maximales Drehmoment von 90 Nm, aber natürlich kann er auch
bei jeder Drehzahl dazwischen genau 90 Nm abgeben. Die "unendlich" vielen
Betriebszustände befinden sich also alle auf der Linie zwischen den beiden genannten
Punkten.
10) Falsch! Es kann das zugehörige maximale Drehmoment (!) abgelesen werden, die
zugehörige Maximalleistung für diese Drehzahl kann aber berechnet werden.
11) Richtig! Allerdings kann die zur Maximalleistung gehörige Drehzahl nicht einfach
abgelesen werden, da sie für gewöhnlich weder der Maximaldrehzahl noch der Drehzahl des
maximalen Drehmomentes entspricht. Bei Verbrennungsmotoren liegt dieser Punkt bei ca.
(!!!) 90% der Maximaldrehzahl, d.h. in diesem Bereich sollten mal ein paar Stichproben
durchgeführt werden.
12) Falsch! Maximale Beschleunigung gibt's bei maximaler Leistung, das ist in der Regel
nicht gleichzeitig der Drehmomentgipfel.
13) Falsch! Für die Beschleunigung ist die Leistung verantwortlich, dabei ist es
unerheblich, ob die sich aus einem grossen Drehmoment bei kleiner Drehzahl oder kleinem
Drehmoment bei grosser Drehzahl ergibt.
14) Richtig! Mehr Leistung ist immer besser, und noch mehr Leistung ist immer noch
besser... :-)
Beispieldiagramme aus der Praxis

Abb. 6 Drehmoment-Leistungs-Drehzahl-Diagramm eines LKW-Diesels
Dies ist das Diagramm eines Dieselmotors für Baumaschinen, der ein gesundes Drehmoment
von über 1300 Nm bereits bei 1400 1/min erreicht. Trotzdem liegt die Maximalleistung nur
bei 213 kW (deutlich unter 300 PS), weil die Drehmomentkurve danach dieseltypisch stark
abfällt. Dafür leistet er aber bereits bei etwas über 1000 1/min 140kw (knapp 200 PS),
und das macht ihm so schnell kein PKW-Motor nach...

Abb. 7 Drehmoment-Leistungs-Drehzahl-Diagramm eines Wohnmobil-Diesels
Das ist das Diagramm eines Dieselmotors für Wohnmobile. Er leistet maximal 66 kW (90 PS),
erreicht das maximale Drehmoment aber auch schon früh bei ca. 1500 1/min.

Abb. 8 Leistungs-Drehmoment-Drehzahl-Diagramm eines Motorradmotors
Dies ist das andere Extrem zum Baumaschinendiesel: Ein Motorradmotor. Er dreht sehr hoch
(10600 1/min) und hat ein vergleichsweise verschwindend geringes maximales Drehmoment (117
Nm bei ca. 8000 1/min), die Maximalleistung ist mit 106 kW (144 PS) bei ca. 10000 1/min
aber recht ordentlich, für ein Motorrad allemal...

Abb. 9 Leistungs-Drehmoment-Drehzahl-Diagramm des 540i E39
Schön zu sehen hier ist der flache Verlauf der Drehmomentkurve des 4,4-Liter-V8, der die
Leistungskurve fast wie mit dem Lineal gezogen ansteigen lässt. Diese Maschine verspricht
Fahrspass pur, denn sie ist drehfreudig und bärenstark. Im Drehzahlbereich von 1500 bis
5600 Touren stehen mindestens 80% des maximalen Drehmomentes zur Verfügung - schaltfaules
Fahren ist problemlos möglich.
Nachwort
So, das war's. Eigentlich gar nicht so kompliziert, oder? Gerne wäre ich noch tiefer in
die Physik eingestiegen, aber dies soll ja keine Doktorarbeit werden und auch kein Studium
ersetzen. Ich hoffe, das Lesen hat genau so viel Spass gemacht wie das Schreiben!
Wer noch Fragen hat oder mich auf Fehler oder missverständliche Formulierungen aufmerksam
machen möchte, der sollte das unbedingt tun!
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